gerhard gundermann: scheißspiel (1988)

26Feb10
Gerhard Gundermann: Männer, Frauen und Maschinen (1988)

Gerhard Gundermann: Männer, Frauen und Maschinen (1988)

hier ein weiterer fund aus der “pop 2000″-box. der song stammt ursprünglich vom ersten album des “singenden baggerfahrers” Gerhard Gundermann:


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interessanterweise stammt dieses lied noch aus ddr-zeiten, könnte aber musikalisch wie vor allem textlich genauso gut aus der der damaligen brd stammen — und auch heute noch, in zeiten wahnsinnigen und selbstzerstörerischen turbokapitalismusses, ist der text mehr als aktuell. was zeigt, das kapitalismus und kommunismus mehr miteinander gemein haben, als üblicherweise angenommen: ausbeutung gibt’s überall, nur die begriffe und ideologien ändern sich.

gundermanns lebenslauf ist sehr interessant und zeigt, wie ambivalent sein verhältnis zur herrschenden schicht in der ddr war.

Gerhard Gundermann, Cottbus 14.11.1989

Gerhard Gundermann, Cottbus 14.11.1989

so studierte er an der nva-armeehochschule, wurde aber zwangsexmatrikuliert, als er sich weigerte, ein loblied auf einen general zu singen. 1976 wurde er stasi-im und trat in die sed ein, wurde aber 1977 wieder ausgeschlossen, was aber nach protesten zunächst rückgängig gemacht wurde. 1984 schlossen ihn stasi und sed dann aber endgültig wegen “prinzipieller eigenwilligkeit” aus.

die ganze zeit über war gundermann musikalisch aktiv, zunächst in der ddr-singebewegung beim Singeklub Hoyerswerda alias Brigade Feuerstein. ab 1986 war er dann solo als liedermacher aktiv, ein jahr drauf gewann er beim Chansonwettbewerb der DDR, und 1988 erschien seine erste lp auf amiga, die mit verschiedenen rockbands eingespielt wurde.

auch nach der wende machte gundermann weiter und brachte weitere alben heraus. während er im osten der republik eine kultfigur war und ist, bliebt er im westen so gut wie unbekannt. gundermann gab viele konzerte mit der band Silly — ebenfalls ostkult — und wirkte 1989 an deren platte Februar mit.

Aktionsbündnis Vereinigte Linke: Wahlplakat 1990

Aktionsbündnis Vereinigte Linke: Wahlplakat 1990

gundermann war auch politisch tätig. so kandidierte er 1990 bei den ersten und letzten freien wahlen in der ddr für das Aktionsbündnis Vereinigte Linke. die avl setzte sich ein für “eine basisdemokratische volksrepublik … gegen eine fremdbestimmung durch die brd” (meines erachtens die vernünftigere idee als kohls anschluss) und gewann mit 0,18% sogar einen sitz in der volkskammer.

1995 kam sein engagement bei der stasi ans licht, das er bis dahin verschwiegen hatte. gundermann selbst meint dazu:

Ich sehe mich nicht als Opfer und auch nicht als Täter. Ich habe mich mit der DDR eingelassen — mit wem sonst? — und ich habe ausgeteilt und eingesteckt. Und ich habe gelernt. Deswegen bin ich auf der Welt.

im nachhinein ist es immer leicht gesagt, man dürfe mit dem ddr-regime nichts zu tun haben, doch in der damaligen realität war dies schwierig — zumindest, wenn man als musiker menschen erreichen wollte. und dies hat gundermann geschafft, ohne sich zu prostituieren — von meiner (wessi!-)seite daher und trotz allem: respekt!

gundermann mied alkohol, zigaretten und andere drogen und hatte den anspruch, nicht von der kunst, sondern noch “echter” arbeit zu leben. während er nach seiner zwangsexmatrikulation (was für ein hässliches wort!) zunächst als baggerfahrer im braunkohletagebau arbeitete (daher der titel “singender baggerfahrer aus der lausitz”), begann er nach dessen ende 1997 eine umschulung zum tischler, bevor er am 21. juni 1998 mit gerade mal 43 jahren überraschend einem hirnschlag erlag.

traurige ironie des ganzen: hätte gundermann den text seines songs umgesetzt und tatsächlich bei dem scheiß-spiel “nicht mehr mit dabei” gemacht, würde er möglicherweise noch leben.

gundermanns lebenswerk wird seit seinem tode vom verein gundermanns seilschaft gepflegt. auf ostmusik.de gibt es eine diskographie mit vollständigen songtexten. auf seiner myspace-seite gibt’s mehr zu hören.

this is a great early song of east german chansonneur Gerhard Gundermann, where he appeals for quitting the “Scheiß-Spiel” (shit game) of working to death. the amazing thing is that these lyrics are equally appliable to communist east german society as to capitalist west german society — which shows that both ideologies are not as much apart as many are telling us.

while gundermann tried to co-operate with the communist regime to a certain extent — he was member of the communist party and worked as “inofficial member” (i.e., spy) for the ministry for state security –, he always stayed critical of east german society, which finally lead to his expulsion of official functions due to “individuality on principle”. still, he managed to release an album on the state-owned amiga label in 1988, shortly before the wall came down. he kept being active after reunification.

gundermann was quite ascetic, neither drinking nor smoking. his principle of earning his living not of his art, but from “honest” work (he was a digger driver and kept working as such all through his career) and this double stress may be one course that led to his premature death of apoplexy in 1998, just 43 years old. ironically, he worked himself to death — he should have followed his own advice in this song…

while gundermann is still all but unknown in west germany, he is considered a cult figure in the east.

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