das gesicht von jesus in meiner suppe

14Mai10
Goethes Erben: Sitz der Gnade (EP, 1997)

Goethes Erben: Sitz der Gnade (EP, 1997)

ein weiterer schwarzer fleck auf der hipnessweste meiner lieblingsmelodien sind ja Goethes Erben. allein der bandname ist ja schon so was von voll uncooool… doch der ist nichts gegen die musik, die texte und vor allem dieser goethesche gesangsstil. die frühwerke werden jeden ernstzunehmenden normalo, der was auf sich hält, in die flucht schlagen. und ehrlich gesagt, ich denke mir auch jedesmal, wenn ich z.b. Der Traum an die Erinnerung von 1992 höre: darf man das? darf man so uncool singen? darf man so hochgestochene texte schreiben? darf man so depressive, schlechte synthie-musik machen? darf man das gut finden?

aber natürlich darf man das alles und noch viel mehr, und auch wenn ich meine bipolare störung inzwischen einigermaßen im griff habe (hihi) und die erben inzwischen kaum noch höre (buhuhuh), gibt es doch folgenden song, an den ich oft denke und den ich sehr gerne höre, ja, den ich liebe.

Goethes Erben: „Sitz der Gnade“ (5:59)

jeder musikexperte wird sofort erkennen, dass dieser song eine eingedeutschte coverversion von Nick Caves klassiker „Mercy Seat“ ist. aber was für eine! „eingedeutschte coverversionen“ ist ja ein synonym für analogkäsigkeit (siehe Dhana Moray), aber hier ist die deutsche übersetzung einfach herrlich, und auch die musikalische unterlage ist bestens gelungen — driving düsterrock mit folk-fidel hat mir schon bei New Model Army gut gefallen. diese version toppt für mich gar das Cave’sche original. (und Johnny Bargelds‘ american recordings-version ist sowieso eher was für melancholische sekretärinnen.)

zurück zu Goethes Erben, dem gehirnkind von Oswald Henke. „Sitz der Gnade“ stammt von der gleichnamigen ep aus dem jahre 1997, in dem auch ihr album Schach ist nicht das Leben, auf dem sie erstmals ein wenig frohgemuter in die welt blickten und licht in ihre musik und texte ließen, und die dadurch zwar teilweise sehr kitschig wirkt… insgesamt ist Schach ein einfach nettes kleines folk-pop-album — für bekloppte. ihr frühwerk wird dagegen laut wikipedia.de mit dem lustigen genre der Neuen Deutschen Todeskunst gezählt, was alles sagt: selbstmord, wahnsinn, weltuntergang — das sind unverhüllt die themen diese platte, gepaart mit fiesen, nackten, kalten synthiesounds. nix für weicheier, nur für leute, die sich selbst ganz tief in die seele gekuckt haben. (dit sind die besten wa)

dass sie aber 1997 nicht ganz auf die weichspüler-schiene geraten waren, das beweist auch ihr schöner song „Ich liebe Schmerzen“ auf der ep. da singt Oswald davon, wie er stundenlang in der badewanne setzt und genießt, wie sich ihm im erkaltenden badewasser allmählich die haut vom körper löst… ich glaube, ich habe dieses lied nur zwei oder dreimal zuende gehört, und das auch nur mit purer willenskraft. mir wird heut noch schlecht, wenn ich daran denke.

Oswald Henke live im K17 Berlin (2010)

Oswald Henke live im K17 Berlin (2010)

das ist wohl das schöne an goethes erben: sie machen musik abseits jeglicher coolness, hipness und schönheit. natürlich ist alles an ihnen sehr kitschig, affektiert künstlich und intellektuell (was für jeden wie mir vernünftigen menschen nu wirklich gar nicht geht), was dann aber wieder durch die krass düstere ausrichtung (der künstlerische bruch!) kompensiert wird und alles in allem eine sehr schräge, einzigartige melangsche ergibt. und immer wieder mit texten, die unter die kopfhaut gehen.

„Sitz der Gnade“ ist der wohl massenkompatibelste song der erben und somit nicht typisch für ihr gesamtwerk. ich denke mal, ich könnte mich möglicherweise dermaleinst bemüßigt fühlen, eventuell mal einen song aus ihrer frühzeit zu posten.



One Response to “das gesicht von jesus in meiner suppe”


  1. 1 altes aus der nervenunheilanstalt | mutanten melodien

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