etwas neues von den fehlfarben

21Apr10
Fehlfarben: Glücksmaschinen (2010)

Fehlfarben: Glücksmaschinen (2010)

die gesamte letzte woche höre ich das neue Fehlfarben-album rauf und runter. nachdem ich die alben der letzten jahre immer eher durchwachsen fand — zwar nicht uninteressant, doch insgesamt fand immer etwas zu zahm und insgesamt unausgewogen. zu nett, irgendwie, und wenn ich nette musik hören will, dann greife ich zu, was weiß ich, chris isaak.

Glückmaschinen hingegen ist nicht nett. Peter Hein ist hier bissig und schlechtgelaunt wie schon lange nicht mehr (der arme, man mag ihn nur, wenn er schlechte laune hat); die texte sind voller slogans, die sich als beste anti-propaganda sofort ins gehirn festsetzen; und musikalisch gesehen ist es eine gelungene version des themas „retroaktiver post-punk im neuen jahrtausend“. beeindruckend vor allem dieses wunderschöne zusammenwirken von handgemachtem und synthetisiertem — sicherlich das verdienst von Pyrolator, dem alten elektronikhasen bzw. -fuchs.

einer meiner lieblingssongs von der platte ist folgender, der durch melodik und rhythmus, prima dudelorgel und einen herrlichen text über den alltäglichen myface & co.-wahn überzeugt:

Fehlfarben: „Vielleicht Leute 5“ (5:08)

Was hat man sich gefürchtet, ob der Blockwart etwas weiß
Doch in jedem Forum gibt man die Penislänge preis
Der böse große Bruder ist längst ein kleines Licht
Man ist jederzeit auf Livecam, zu verbergen hat man nichts

dass ich jetzt erst poste, liegt daran, dass ich mich die ganze zeit nicht entscheiden konnte, welchen song ich auswählen sollte.

ja, die Fehlfarben… natürlich kann ich nicht umhin, mich auch über sie auszulassen. da aber von meinen lesern sicher jeder schon alles weiß (keimzelle Charley’s Girls, die über Mittagspause zu Fehlfarben mutierten, welche zunächst eine ska-single produzierten, bevor ihr debutalbum Monarchie und Alltag 1980 bei der emi erschien und zunächst floppte, im nachhinein aber zum wichtigsten deutschen new wave-album gehypt wurde, seitdem viele personelle umwälzungen und auch einige alben), hier eine eloquente oder eher einfach nur wortreiche erläuterung der entwicklung meines persönlichen verhältnisses zu den fehlfarben. anders gesagt: wie kommt ein digitales kind der 1990er an die fehlfarben?

als ich ca. mitte der 2000er den deutschen punk und new wave der späten 1970er entdeckte, stolperte ich natürlich sofort auch über die Fehlfarben. lange zeit traute ich mich nicht an Monarchie und Alltag heran (Formulierungen wie „wichtigstes deutsches Album aller Zeiten“ machen mich brechen); als ich’s dann doch tat, war ich schon angetan, aber nicht so euphorisch wie die ganzen rezensenten — natürlich, wenn man sich ein wenig durch die szene gehört hat, merkt man, dass der stil des albums als als blaupause für die weitere ndw diente, weshalb es heutzutage etwas abgenudelt wirken mag.

das weitere werk interessierte mich nicht so sehr, obwohl die funkigen stücke nach wie vor ausgezeichnet sind (und, möchte ich wetten, den hamburger Sternen als inspiration diente); doch bin ich wie gollum ein freund der wurzeln und durchstöberte das weltweite netz lieber nach ihrem frühwerk — und wurde bedient, danke, franz, an dieser stelle!

Fehlfarben live in Wien, 1980

Fehlfarben live in Wien, 1980

dann, es war 2008, erfuhr ich, dass die band ein konzert in berlin zu geben gedenken, im kesselhaus am 14. november auf einer soli-veranstaltung für obdachlose. „aha“, dachte ich, „das hör ich mir an!“ vorher hörte ich noch in ihr werk der letzten jahre rein und war dann einigermaßen skeptisch.

zum konzert ging ich also mit recht kleinen erwartungen, die noch kleiner wurden, als ich das vorprogramm hinter mir hatte: eine band, deren name mir entfallen ist, sich die „älteste beat-band berlins“ schimpfte, aber eher nach der ältesten schülerband berlins klang, mit schrecklicher rock-pop-lovesong-soße. und dann waren da noch die beiden sozialpädagogen, die es toll fanden, vor ca. 200 leuten allerweltsweisheiten wie „he, leute, obdachlos sein ist gar nicht so lustig!“ zum besten zu geben. ich dachte: „aua, aua! oh je!“

und dann kamen die fehlfarben. und… ich war vom ersten song an völlig begeistert! allein dieses perfekte zusammenspiel von elektronik und handgemachtem ist herrlich und zeugt von höchstem handwerklichen und musikalischen können. und dann noch peter heins bühnenpräsenz… herrlich. es gibt nur inzwischen nur noch wenige konzerte, bei denen ich vom ersten bis zum letzten lied tanze, und bei denen ich nach zwei stunden immer noch traurig bin, wenn die musikanten dann schließlich endgültig die bühne verlassen — dieses war eines davon. sogar meiner frau hat’s gefallen, und die steht eher auf schweinerock!

ja, und seitdem bin ich ein fehlfarben-fan! genauer (da fan-sein natürlich unter meiner würde als pseudo-intellektueller ist): ich habe größten respekt vor ihnen.

als ich dann dieses jahr erfuhr, dass ein neues album + tour ansteht, und die hörproben mich auch allesamt überzeugen konnten, war ich feuer und flamme. und so war ich denn natürlich auch im festsaal kreuzberg mit von der partie. diesmal waren meine erwartungen allerdings wesentlich höher, und zur strafe wurden sie natürlich etwas enttäuscht — der sound war etwas schmuddelig, vielleicht lag’s daran — dennoch: es war ein feines konzert, auf denen die fehlfarben neue und alte songs aus allen phasen der bunten bandgeschichte gespielt haben. sie haben sogar „Es geht voran“ gespielt (was ja nicht mehr geschah, seit der song von ironieresistenten linken als revolutionäre fortschrittshymne missverstanden wurde) — wenn auch in einer, sagen wir, chaotisch-dekonstruktivistischen fassung, die ich persönlich ganz ausgezeichnet fand.

Fehlfarben live im Festsaal Kreuzberg, 9. April 2010

30 Jahre später: Fehlfarben live im Festsaal Kreuzberg, 9. April 2010

das schöne an den fehlfarben live: im gegensatz zu vielen anderen bands merkt man, dass die jungs (und das mädel) einfach persönlichkeiten sind und nicht irgendwelche austauschbaren zeitgeist-heinis. es macht immer spaß, sie bei der arbeit zu beobachten — und ihnen hat es anscheinend auch spaß gemacht.

die vorband an diesem abend war übrigens auch sehr interessant: Herpes aus berlin (schöner name, jungs!), die sich auf kurze stakkato-schrebbel-post-punk-songs spezialisiert haben, und die somit hervorragend zum hauptact passten. hab ich ja in meinem vorigen post schon vorgestellt.



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